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Bremshundertstel einfach erklärt: Bedeutung, Berechnung & Beispiel
Wer sich mit dem Bahnbetrieb beschäftigt, stößt schnell auf den Begriff Bremshundertstel, kurz Brh. Für Außenstehende klingt das zunächst nach einer komplizierten Rechengröße. Tatsächlich steckt dahinter ein gut nachvollziehbares Prinzip: Bremshundertstel zeigen, wie viel Bremsvermögen einem Zug im Verhältnis zu seiner Masse zur Verfügung steht.
Gerade im Güterverkehr ist diese Kennzahl besonders wichtig. Ein Zug kann mehrere hundert Meter lang sein, unterschiedlich beladene Wagen mitführen und ein Gesamtgewicht von weit über 1.000 Tonnen erreichen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob die einzelnen Fahrzeuge Bremsen besitzen. Es muss auch bewertet werden können, ob die vorhandene Bremsleistung zum tatsächlichen Zuggewicht passt.
Genau dafür gibt es die Bremshundertstel.
Was sind Bremshundertstel?
Die Bremshundertstel eines Zuges setzen das anrechenbare Bremsgewicht ins Verhältnis zum gesamten Zuggewicht. Dadurch entsteht eine vergleichbare Kennzahl für sehr unterschiedliche Züge.
Vereinfacht beantworten Bremshundertstel die Frage:
Wie viel Bremsvermögen steht im Verhältnis zu 100 Teilen Zuggewicht zur Verfügung?
Ein hoher Wert bedeutet grundsätzlich, dass dem Zug im Verhältnis zu seiner Masse viel Bremsvermögen zur Verfügung steht. Bei einem niedrigen Wert ist das Verhältnis ungünstiger.
Dabei ist wichtig: Bremshundertstel sind weder die Zahl der eingebauten Bremsen noch eine direkte Angabe des Bremsweges in Metern.
Sie sind eine rechnerische Größe, die dabei hilft, das Bremsvermögen des gesamten Zuges zu beurteilen.
Wie werden Bremshundertstel berechnet?
Die grundlegende Formel ist vergleichsweise einfach:
Bremshundertstel = Gesamtbremsgewicht ÷ Gesamtzuggewicht × 100
Das Gesamtbremsgewicht ergibt sich aus den anrechenbaren Bremsgewichten der Fahrzeuge, deren Bremsen im Zug wirksam sind.
Das Gesamtzuggewicht umfasst die Masse des gesamten Zuges. Dazu gehören beispielsweise die Triebfahrzeuge, die Wagen und deren Ladung.
Ein einfaches Beispiel macht das anschaulicher.
Ein Güterzug hat ein Gesamtgewicht von 1.500 Tonnen. Das anrechenbare Gesamtbremsgewicht beträgt 900 Tonnen.
Die Rechnung lautet:
900 ÷ 1.500 × 100 = 60
Der Zug verfügt damit über 60 Bremshundertstel.
Das bedeutet allerdings nicht, dass seine Bremsen mit einer Leistung von 60 Prozent arbeiten. Die Zahl beschreibt ausschließlich das Verhältnis zwischen Bremsgewicht und tatsächlicher Zugmasse.
Warum verändert Beladung die Bremshundertstel?
Besonders interessant wird die Berechnung bei Güterzügen, weil sich deren Masse durch die Ladung erheblich verändern kann.
Nehmen wir noch einmal den Zug aus dem vorherigen Beispiel. Sein Bremsgewicht bleibt bei 900 Tonnen, das Zuggewicht steigt durch zusätzliche Ladung jedoch von 1.500 auf 1.800 Tonnen.
Dann ergibt sich:
900 ÷ 1.800 × 100 = 50
Der Zug besitzt nun nur noch 50 Bremshundertstel.
Obwohl an den Bremsen selbst nichts verändert wurde, ist das Bremsvermögen im Verhältnis zur größeren Zugmasse gesunken.
Genau deshalb werden Bremshundertstel für den tatsächlich gebildeten Zug betrachtet. Zwei Güterzüge mit ähnlichen Wagen können durch unterschiedliche Beladung verschiedene Brh-Werte besitzen.
Umgekehrt kann sich das Gesamtbremsgewicht verändern, wenn beispielsweise weitere wirksam gebremste Fahrzeuge eingereiht werden oder Bremsen aufgrund einer Störung ausgeschaltet werden müssen.
Was hat die Geschwindigkeit mit den Bremshundertsteln zu tun?
Bremshundertstel sind unmittelbar für die betriebliche Beurteilung eines Zuges relevant.
Je höher die Geschwindigkeit eines Zuges ist, desto anspruchsvoller wird das sichere Abbremsen. Hinzu kommen Faktoren wie Gefälle, Bremsstellung und der für die Strecke zugrunde gelegte Bremsweg.
Deshalb gibt es Mindestbremshundertstel. Sie geben vor, welches Bremsvermögen ein Zug mindestens besitzen muss, damit die vorgesehenen betrieblichen Bedingungen eingehalten werden können.
Bei DB InfraGO sind die erforderlichen Mindestbremshundertstel im Fahrplan angegeben. Sind die tatsächlich vorhandenen Bremshundertstel niedriger, muss der Triebfahrzeugführer die Betriebszentrale verständigen. Für die betroffenen Streckenabschnitte sind anschließend weitere betriebliche Maßnahmen erforderlich.
Die Frage lautet deshalb nicht einfach: „Wie stark kann dieser Zug bremsen?“
Entscheidend ist vielmehr: Reicht sein vorhandenes Bremsvermögen für die vorgesehene Geschwindigkeit und Strecke aus?
Warum spielt das Gefälle eine Rolle?
Auf einer ebenen Strecke wirkt beim Bremsen vor allem die Bewegungsenergie des Zuges. Auf einer Gefällestrecke kommt zusätzlich die Hangabtriebskraft hinzu.
Der Zug wird durch das Gefälle weiter in Fahrtrichtung beschleunigt. Die Bremsen müssen deshalb entsprechend mehr leisten, um die Geschwindigkeit zu reduzieren oder konstant zu halten.
Je nach Streckenbedingungen können deshalb andere Anforderungen an das Bremsvermögen gelten. Bremstafeln stellen unter anderem Zusammenhänge zwischen Gefälle, Bremsstellung, Geschwindigkeit und erforderlichen Bremshundertsteln her.
Gerade bei schweren Güterzügen wird dadurch deutlich, warum Zuggewicht und Bremsleistung immer gemeinsam betrachtet werden müssen.
Bremshundertstel und PZB-Zugarten
Die Bremshundertstel spielen außerdem bei der Punktförmigen Zugbeeinflussung, kurz PZB, eine wichtige Rolle.
Die PZB arbeitet mit den Zugarten O, M und U. Diese unterschiedlichen Überwachungsprogramme berücksichtigen unter anderem das Bremsvermögen des Zuges.
Bei der üblichen PZB-Einstufung gelten:
Zugart O: mindestens 111 Brh
Zugart M: 66 bis 110 Brh
Zugart U: bis 65 Brh
Für die PZB-Fahrzeugeinrichtung gehören Bremsart und Bremshundertstel zu den relevanten Zugdaten. Bei PZB/LZB-Fahrzeugeinrichtungen kommen unter anderem Zuglänge und maximal zulässige Geschwindigkeit hinzu.
Das zeigt, wie eng die Bremshundertstel mit der technischen Zugüberwachung verbunden sind.
Ein Zug mit geringerem Bremsvermögen benötigt andere Überwachungskurven als ein Zug, der seine Geschwindigkeit deutlich schneller reduzieren kann.
Bremshundertstel sind nicht gleich Bremsweg
Ein häufiger Irrtum ist die Annahme, aus einer bestimmten Zahl von Bremshundertsteln lasse sich unmittelbar ein Bremsweg in Metern ableiten.
So einfach ist es nicht.
Der tatsächliche Bremsweg wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst. Dazu zählen unter anderem:
- Ausgangsgeschwindigkeit
- Zugmasse
- Bremsstellung
- Ansprechverhalten der Bremsen
- Streckengefälle
- Fahrzeugtechnik
- Zustand zwischen Rad und Schiene
- Witterungsbedingungen
Ein Zug mit 70 Bremshundertsteln hat deshalb nicht automatisch einen fest definierten Bremsweg.
Die Brh ermöglichen vielmehr eine normierte Beurteilung des vorhandenen Bremsvermögens. Zusammen mit weiteren Zug- und Streckendaten lässt sich daraus ableiten, unter welchen Bedingungen der Zug sicher betrieben werden kann.
Warum Bremshundertstel im Güterverkehr besonders spannend sind
Güterzüge können sich in ihrer Zusammensetzung stark unterscheiden.
Ein Zug kann aus wenigen schweren Wagen bestehen, ein anderer aus vielen leichteren Fahrzeugen. Manche Wagen sind leer, andere voll beladen. Auch die Bremsausrüstung und die eingestellte Bremsstellung können variieren.
Dadurch kann sich das Verhältnis zwischen Zuggewicht und Bremsgewicht deutlich verändern.
Ein Güterzug, der heute leer unterwegs ist, kann nach der Beladung völlig andere Bremsdaten besitzen. Die Lok ist möglicherweise dieselbe, die Wagenreihung ähnlich, trotzdem verändert sich die fahrdynamische Situation.
Bremshundertstel schaffen hier eine einheitliche Grundlage, mit der das Bremsvermögen des gesamten Zuges bewertet werden kann.
Was passiert, wenn Bremshundertstel fehlen?
Im regulären Betrieb müssen die vorhandenen Bremshundertstel mindestens den für den Zug geforderten Mindestwert erreichen.
Ist das nicht der Fall, kann der Zug nicht einfach unverändert nach den ursprünglichen Vorgaben weiterfahren. Nach der Fahrdienstvorschrift muss der Triebfahrzeugführer unter anderem die Betriebszentrale über die fehlenden und vorhandenen Bremshundertstel sowie die Bremsstellung informieren. Die Betriebszentrale gibt dann die erforderliche Weisung für die betroffenen Streckenabschnitte.
Das zeigt, dass Bremshundertstel keine theoretische Rechengröße für Lehrbücher sind. Sie haben direkte Auswirkungen auf den täglichen Bahnbetrieb.
Fazit: Eine Zahl mit großer Bedeutung
Bremshundertstel machen das Bremsvermögen eines Zuges vergleichbar.
Sie setzen das vorhandene Bremsgewicht ins Verhältnis zum tatsächlichen Zuggewicht und zeigen damit, wie viel Bremsvermögen einem Zug im Verhältnis zu seiner Masse zur Verfügung steht.
Je höher der Wert, desto günstiger ist grundsätzlich dieses Verhältnis. Gleichzeitig bestimmen Bremshundertstel allein weder den tatsächlichen Bremsweg noch die zulässige Geschwindigkeit. Dafür müssen weitere Faktoren wie Strecke, Gefälle, Bremsstellung und Fahrzeugtechnik berücksichtigt werden.
Gerade im Güterverkehr sind Bremshundertstel deshalb eine zentrale Kennzahl. Aus vielen einzelnen Fahrzeugen und Bremsen entsteht ein Zugverband, dessen Bremsvermögen als Ganzes bewertet werden muss.

